BUNDjugend Baden-Württemberg - … und jetzt noch die Erde retten!

Schon fast „klimaneutral“: Costa Rica

Den Eindruck von der „reichen Küste“ habe ich mir bei meinem Auslandssemester an der Universität von Costa Rica in San José gemacht. Ich studiere nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie in Hohenheim und konnte 4 Kurse an der Uni in Costa Rica machen. Sehr genial war der Kurs „Agricultura Organica“, also Biolandbau, weil wir gute Exkursionen aufs Land gemacht haben und sehr viel über Kompost und biologischen Pflanzenschutz gelernt haben. Außerdem war ich im Kurs „erneuerbare Energien“ des Studiengangs Umweltschutzwissenschaften dort, auch dieser Kurs war super informativ, leider dem großen staatlichen Stromversorger nicht sehr kritisch gegenüber, weil der Dozent auch dort arbeitet. Nach den Prüfungen bin ich dann noch knapp 2 Monate in Zentral- und Südamerika herumgereist.
Ökoparadies …
Die rund 4,5 Millonen „Tic@s“ (Costa Ricaner) leben in einemSozialstaat ohne Armee. Das Land verhält sich politisch neutral, die Demokratie ist gefestigt. Die Lebenserwartung beträgt 77,6 Jahre und die Analphabetenrate ist mit 4,2% nach Kuba (3%) die niedrigste in Südamerika. Costa Rica ist als großer Bananen- und
Kaffeeexporteur immer noch Agrarland, einige Firmen aus der High Tech Industrie haben nun jedoch auch in Costa Rica Fuß gefasst. Sehr wichtig ist inzwischen der Tourismus, pro Jahr besuchen rund 1 Millonen Touristen das Land. 26% der Fläche von Costa Rica sind geschützte Gebiete, es gibt mehr als 20 teils staatliche, teils private Naturparks, die wirksam vor Wilderern und Raubbau geschützt werden. Mit 51.000 km² ist Costa Rica etwa so groß wie Niedersachsen, trotzdem gibt es in Costa Rica rund 6% der bekannten Lebewesen auf der Erde, das heißt die Artenvielfalt ist sehr groß. Es gibt einige große Tourismuszentren, es wird aber zukünftig auf nachhaltigen Tourismus gesetzt. In Costa Rica werden derzeitig 96% des Stromes mit erneuerbaren Energien bereitgestellt, rund 95% aller Haushalte verfügen über Strom- und Telefonanschluss. Der erneuerbare Strommix besteht zu 80% aus Wasserenergie, 8% aus Windeenergie und 8% aus Geothermie. Es besteht das Ziel der Regierung das Land bis 2011 als eines der ersten Länder “klimaneutral” zu machen

… oder alles nur Schall und Rauch? Die Flächen, die nicht geschützt sind, werden durch den intensiven Anbau der Monokulturen Banane, Kaffee und Ananas kaputt gemacht. Weil die landwirtschaftliche Produktivität der Flächen seit Jahren zurückgeht, Costa Rica aber unter starker Konkurrenz steht, werden tonnenweise Kunstdünger und Agrochemikalien auf die Plantagen ausgebracht. Starke Regenfälle schwemmen diese zusammen mit Boden ab. Fruchtbarer Boden geht verloren, flussabwärtsgelegenen Gemeinden sind den gefährlichen Chemikalien schutzlos ausgeliefert. Das verunreinigte Trinkwasser verursacht Krankheiten und Konzentrationsstörungen. Gewerkschaften undsoziale Bewegungen,  die sich gegen die Großkonzerne wehren, werden bedroht.

Energie
Zur Zeit ist die Stromversorgung zu 87 % in den Händen des staatlichen Energie- und Telekommunikationsversorgers (Instituto Costaricense de Electricidad (ICE) Nur 10% des Stroms werden bisher von privaten Versorgern bereitgestellt. Trotzdem ICE ein staatliches Unternehmen ist und dem Gemeinwohl verpflichtet ist,
muss einiges angeprangert werden. Trotz erklärter „klimaneutral“ Ziele, werden im Moment 2 Kohlekraftwerke gebaut. Außerdem plant ICE die Realisierung des Staudammprojekts Diquís. Es würde die Vertreibung von mehr als 1100 Personen bedeuten, über 200 archäologische Fundstätten überfluten und 800 Hektar fruchtbares Land bedecken. Wie immer bei diesen Megaprojekten werden Flussläufe verändert, Täler geflutet, Gemeinden vertrieben und der natürliche Wasserkreislauf gestört, was zu Verschlammung der Gewässer und Unterbrechung der Fischwanderungen führt. Probleme in der Wasserversorgung zusammenhängend mit der Landwirtschaft und den Staudammgroßprojekten, sowie dem Klimawandel werden, wie der letzte „Bericht zur Lage der Nation“ aufzeigt, in Zukunft ein Problem für Costa Rica darstellen, da bislang viel Wasser vergeudet wird, Abwässer kaum aufbereitet werden und im Valle Central um San José zu viele Menschen die Wasservorräte des Vulkans Barva anzapfen. Deswegen versucht eine Initiative über Unterschriftensammlungen ein neues Wassergesetz
in Parlament zu bringen und dadurch das gültige Wassergesetz von 1942 zu ersetzen. (http://porelagua.blogspot.com/)

Liberalisierung heißt nicht „mehr Freiheit“ Inzwischen hat Costa Rica das Freihandelsabkommen mit den USA unterschrieben und es ist ein weiteres Freihandelsabkommen mit Europa (ADA) unterwegs. Der Abbau der costaricanischen Staatsmonopole in den wichtigen Bereichen der Grundversorgung spielt eine große Rolle im CAFTA (Central America Free TradeAgreement),  der inhaltlich weit über ein einfaches Freihandelsabkommen – sprich über den Abbau von Zollschranken – hinausgeht.Verträge über die Aufkündigung ausländischer Investitionsbeschränkungen und den Abbau von Handelshemmnissen im Dienstleistungsbereich setzen eine Liberalisierung der Staatsmonopole in Costa Rica voraus. Die wurde im Jahr 2000 versucht, das Parlament beschloss die Privatisierung des staatlichen Energie- und Telekommunikationsriesen ICE. In den Wochen nach dem umstrittenen Parlamentsbeschluss wurden in San José zahlreiche Großdemonstrationen undStreiks durchgeführt, die teilweise in Straßenschlachten mit der Polizei ausuferten. Der Protest gegen die Privatisierungsvorhaben ließ sich auch in der zentralamerikanischen „Musterdemokratie“ nur mit dem Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken eindämmen. Das Parlament musste die Privatisierung des ICE vor diesem Hintergrund vorläufig auf Eis legen. Alle Vorhaben, den Energieversorger letztlich doch zu verkaufen, sind seither an der großenzivilgesellschaftlichen Gegenwehr gescheitert. Ebenso verhält es sich mit der Entstaatlichung anderer Bereiche der sozialen Grundversorgung,wie beispielsweise dem Sozialversicherungswesen. Andere Auswirkungen von dem Freihandelsabkommen werden in der Landwirtschaft erwartet. Die zentralamerikanischen Landwirte werden der Konkurrenz der billiger produzierten und darüber hinaus staatlich subventionierten US-Exporte nicht standhaltenkönnen. Großkonzerne werden weiterhin noch mehr billiges Land aufkaufen können und die Monopolisierung der Landwirtschaft vorantreiben. Kleinbauern, die für Ihre Gemeinden produzierten, werden vertrieben. Nachhaltige Landnutzungssysteme können sich somit nicht etablieren, die Verschmutzung von Wasser und die Verschlechterung der Bodenqualität werden bei diesem Preisdruck weitergehen, die Kosten dafür werden auf die Gesellschaftabgewälzt.

Quellen: die genannten Internetseiten (meist auf spanisch), Indymedia und Wikipedia. Weiterführende Informationen auf: www.gritomesoamerica.org

Vera Bartenstein hat mehrere Jugendaktionskongresse mit organisiert