BUNDjugend Baden-Württemberg - … und jetzt noch die Erde retten!

Negative Folgen für den Naturschutz in Baden-Württemberg

von Dr. Brigitte Dahlbender, BUND-Landesvorsitzende

Der Klimawandel spielt im baden-württembergischen Naturschutz eine besondere Rolle, weil unser Land stärker vom Klimawandel betroffen ist als andere Regionen in Europa. Das belegt z.B. die Klimastudie KLIWA des Landes Baden-Württemberg. Danach gilt für Baden-Württemberg:

  • Die Jahresmitteltemperatur ist zwischen 1951 und 2000 – also innerhalb von nur 50 Jahren – um 1,5 Grad Celsius gestiegen.
  • Die Anzahl der Tage mit starken Niederschlägen hat sich um elf Tage pro Jahr erhöht. Die extremen Nassperioden im Winter dauern länger.
  • Das Umweltministerium Baden-Württemberg ist davon überzeugt, dass Südwest-Deutschland aufgrund seiner Lage besonders von extremen Wetterlagen – und als Folge davon von Schadensfällen – betroffen sein wird.

Für Baden-Württemberg ist die Zunahme extremer Wetterereignisse, aber auch die Zunahme der Temperatur im Jahresmittel bedrohliche Faktoren, auch für Tier- und Pflanzenarten. Dazu gehören Stürme, heftige Niederschläge mit Hochwasser, Perioden mit Trockenheit und Hitze sowie Phasen mit für die Jahreszeit unüblichen Temperaturen und Niederschlagsmengen.

Was bedeutet das für den Artenrückgang?

Der Klimawandel hat im Hinblick auf den Artenrückgang eine verstärkende Wirkung. Der Populationsbiologe Josef Blab (2004)2 drückt dies so aus: „Generell deuten die vorliegenden Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass Spezialisten/K-Strategen besonders negativ vom Klimawandel betroffen sein werden (…), also genau jene Arten, die heute schon selten oder gefährdet sind. Dies bedeutet konkret, vom Klimawandel profitieren in erster Linie die ‚Anpasser‘ auf Kosten der Spezialisten und der weniger robusten Arten.“

Der BUND widerspricht der Auffassung einiger Wissenschaftler, dass der Klimawandel die Lebensraumzerstörung als wichtigsten Faktor ablöst (z.B. Böhning-Gaese, 20073). Die Folge von mehr oder weniger großflächigen „Standardisierungen“ der Landschaft – wie sie die industrialisierte Land- und Forstwirtschaft hervorbringt – wirken sich auf den Artenrückgang in Zeiten des Klimawandels ebenso doppelt und dreifach aus wie die Versiegelung und Zerschneidung der Landschaft durch Bebauung.

Was ist also für den Naturschutz im Hinblick auf den Klimawandel zu tun

Naturschutz in Zeiten des Klimawandels erfordert keinen radikalen Strategiewechsel: Die bisherigen Forderungen und Erfolgsmodelle des Naturschutzes bekommen durch den Klimawandel neuen argumentativen Rückenwind. Ihre konsequente Umsetzung ist für den Arterhalt dringender denn je. Den besten Dienst erweist dem Naturschutz eine Landschaft, die den Tieren und Pflanzen möglichst flexible Reaktionen auf extreme Wetterereignisse erlaubt. Das heißt:

  • Biotopvernetzung in jeder Beziehung
  • Schaffung von Vielfalt und Strukturen
  • Bereitstellung von vielfältigen, aber auch von artspezifischen Rückzugsräumen.

Modellhaft deutlich wird dies bei der oft als Klimafolge angeführten Desynchronisation des Insektenschlupfes und der Ankunft der Zugvögel, die die Nahrungsbeschaffung zur Zeit der Jungenaufzucht erschwert: Können Vogeleltern auf eine breite Palette von „Biotopzuständen“ im Brutgebiet zurückgreifen, werden sie damit besser fertig als Tiere in einer monotonisierten Landschaft.

Eine an Strukturen reiche Landschaft bietet mehr Deckung (im Übrigen auch mehr Wasser), um mit Hitze, Trockenheit oder großer Kälte fertig zu werden. Diese landschaftsbereichernden Strukturen und Maßnahmen dienen meist auch dem Menschen:

  • Menschen, die bei uns Ferien machen, lockt die vom Menschen geprägte Vielfalt der Kulturlandschaft an. Wer diese Vielfalt erhält – im Wald wie im Offenland sichert die Attraktivität unseres Landes für Feriengäste und Bewohner.
  • Der BUND hat einen Wildkatzenwegeplan für Deutschland erarbeitet, den er nach und nach umsetzen möchte. Dieser umfasst ein zusammenhängendes Wegenetz mit einer Länge von 20.000 km. Die Wanderkorridore dienen nicht nur der Wildkatze, sondern einer großen Zahl an waldgebundenen Arten.
  • Empfehlungen zum Hochwasserschutz dienen – entsprechend ausgeführt – sowohl der Hochwasser-Vorbeugung als auch dem Naturschutz: Die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten muss intensiviert werden, bei Neuanlage von Einrichtungen zur Hochwasserentlastung müssen spätere Erweiterungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Vor allem aber muss dezentraler Hochwasserschutz auf der Fläche als Planungsprinzip durchgesetzt werden, d.h. Bewirtschaftung der Talauen als Grünland und Unterbindung von Überbauungen in den potenziellen Überschwemmungsflächen.

Klimaschutz und Naturschutz – wie passt das zusammen?

Im Herbst 2007 verabschiedete der BUND-Landesvorstand „Grundlegende Aussagen zum Ausbau der Erneuerbaren Energien“. Das programmatische Papier enthält entscheidende Argumente zum Thema Klimaschutz und Naturschutz.

Auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist mit Eingriffen in Natur und Landschaft verbunden. Deshalb muss auch ihr Einsatz so sparsam, effizient und umweltverträglich wie möglich erfolgen. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Treibhausgasbilanz für die Erneuerbaren im Vergleich zu konventionellen Energieträgern positiv ausfällt.

Gerade auch der Erhalt der Biodiversität erfordert Regularien beim unbedingt notwendigen Ausbau der Erneuerbaren Energien:

  • Ausschluss der Gentechnik bei der Biomasseproduktion
  • Festlegung von Ausschlussgebieten für Windkraftanlagen für den Vogelschutz
  • Wasserkraftnutzung im Einklang mit gewässerökologischen Erfordernissen
  • Vorrangige Nutzung von biogenen Rest- und Abfallstoffen
  • Nutzung der Biomasse vorrangig in Kraft-Wärme-Kopplung

Andererseits darf nicht übersehen werden, dass bei der Agrar- und Holzproduktion ganz unabhängig vom Boom der Bioenergie massive Veränderungen in Richtung auf industrielle Produktion im Gange sind. Die zunehmenden landwirtschaftlichen Monokulturen sind derzeit mehr durch Fleischproduktion und Futtermittel-Anbau als durch steigende Nachfrage nach Energiepflanzen bedingt.

Den Risiken beim Ausbau der Erneuerbaren Energien stehen auch Chancen gegenüber, weil Landnutzung wieder in Wert gesetzt wird und damit dem „Bauernsterben“ entgegengewirkt werden kann. Gerade auch zum Erhalt solch traditioneller, aus Naturschutzsicht ausgesprochen hochwertiger Formen der Kulturlandschaft bietet die Kombination mit der Nutzung Erneuerbarer
Energien Chancen – mehr als allein durch einen konservierenden, „musealen“ Naturschutz.

Die „Versöhnung von beiden Zielen – „Ausbau der Erneuerbaren Energien“ und Naturschutz – wird gelingen, wenn sich die Nutzung der Erneuerbaren Energien an klare ökologische Rahmenbedingungen knüpft.

Rollen und Aufgaben des BUND

Wachen, begeistern, Lösungen mitgestalten: Das sind die drei Aufgaben, die sich in diesem Gefüge der BUND setzt. Die Wächterfunktion des BUND geht hierbei in Richtung Klimaschutz und Naturschutz: Als vergleichsweise reiches Land hat Baden-Württemberg beim Klimaschutz eine besondere Verantwortung. Der BUND mahnt dies immer wieder an, denn die Klimabilanz des Landes ist schlecht. Die bisherigen Mini-Förderprogramme zum Klimaschutz entfalten mangels Finanzkraft kaum Wirkung.

Mit Natura 2000 und mit einer Reihe guter ökologischer Regelungen (z. B. Landeswassergesetz oder Umsetzung der europäischen Wasser-Rahmen-Richtlinie) stehen praktikable Hebel bereit, um in Zeiten des Klimawandels den Naturschutz voranzubringen. Dies gelingt aber nur, wenn der politische Wille und die öffentliche Aufmerksamkeit dafür da sind. Sachkundige BUND-Aktive, die in Veranstaltungen des BUND-Landesverbands geschult werden, übernehmen Verantwortung bei der Begleitung der Managementpläne für die Natura 2000-Gebiete bzw. der Wasser-Rahmen-Richtlinie und bei der kritischen Begleitung von Eingriffsverfahren in Natura 2000-Gebiete. Auch für die Mitarbeit am Monitoring stehen BUND-Aktive zur Verfügung. Qualifizierte Vorschläge von BUND-Aktiven zur Eingriffsregelung können vor allem Kommunen beim Naturschutz helfen.

Seit 2006 dokumentieren der BUND Baden-Württemberg und die Stiftung EURONATUR die dramatischen Folgen der europäischen Agrar-Reform für Bauern und Landschaft. Wir treten dazu in Dialog mit Ministerien, Landwirten und Tourismus-Fachleuten.

Begeistern und Mitgestalten

Naturschutz ist nur dann umzusetzen, wenn weite Teile der Bevölkerung dies akzeptieren. 1.000 BUND-Aktive landesweit bieten Umweltbildung an, mehr als 20.000 Menschen nahmen im Jahr 2007 an Naturschutz-Exkursionen des BUND teil. BUND-Kampagnen – etwa zur Wildkatze oder zum Schutz der Schmetterlinge – motivieren mit Hilfe von Sympathietieren zum Naturschutz.

120 BUND-Gruppen im Land beteiligen sich an der Landschaftspflege oder an Pflanzungen zur Bereicherung der Landschaft. Auf 400 Hektar finden qualifizierte BUND-Pflegemaßnahmen oder BUND-Projekte mit Weidetieren statt. Um ein Vielfaches größer sind die Naturschutz-Maßnahmen, die durch Vorschläge und Forderungen von BUND-Aktiven auf den Weg gebracht wurden. Ein Beispiel: Seit 1998 wurde dafür gesorgt, dass in Baden-Württemberg über 200 Kilometer begradigter oder durch Wehre abgeschnittener Flusslauf wieder der Natur zurückgegeben wurden.

Wollen Menschen Klima- und Naturschutz?

Darauf gibt die bundesweite Umweltbewusstseinsstudie Antwort (Umweltbundesamt, 2007): Zwei Drittel der Bevölkerung wollen eine Vorreiterrolle Deutschlands in der Klimapolitik. Als vorrangige Ziele werden genannt: Ausbau Erneuerbarer Energien, Senkung des Energieverbrauchs und bessere Energieeffizienz. Rund 95 Prozent der Befragten halten den Verlust an Biologischer Vielfalt für ein sehr großes Problem, und 92 Prozent sehen dringenden Handlungsbedarf des Staates für Biologische Vielfalt. Das Interesse an einem ehrenamtlichen Engagement für den Umwelt und Naturschutz hat stark zugenommen. 45 Prozent der Befragten können sich vorstellen, hier aktiv zu werden. Sie sehen uns als ihren Anwalt, ihre Stimme und wir verstehen dies als Auftrag.

Weiterführende Literatur

▪ KLIWA Baden-Württemberg, aktuell zum Herunterladen unter www.kliwa.de; gute Zahlen finden Sie z. B. in Heft 12, „Langzeitverhalten von Sonnenscheindauer und Globalstrahlung
sowie von Verdunstung und klimatischer Wasserbilanz in Baden-Württemberg und Bayern“ (März 2008) oder in Heft 9, „Regionale Klimaszenarien für Süddeutschland“ (Mai 2006).
▪ Blab, Josef (2004): Sind die Roten Listen angesichts globaler Klimaveränderungen noch zeitgemäß? Kurzfassung eines Vortrags, Symposium „Rote Listen – Barometer der Biodiversität“
vom 6. bis 8. Oktober 2004 in Würzburg. Tagungsband, Bundesamt für Naturschutz, 2004.
▪ Böhning-Gaese, Katrin (2007): Klimaflüchtlinge am Bodensee: Immer mehr südliche Vogelarten in Mitteleuropa heimisch. Bericht und Bewertung von Forschungsarbeiten zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Vogelbeständen am Bodensee.
▪ Informationen zum Projekt Rettungsnetz Wildkatze finden Sie in der Rubrik „Themen und Projekte“ beim BUND Baden-Württemberg unter www.bund.net/bawue und beim BUND Bundesverband unter
www.bund.net
▪ BUND-Landesvorstand Baden-Württemberg (2007): „Grundlegende Aussagen des BUND Baden-Württemberg zum Ausbau der erneuerbaren Energien“; vollständiger Text erhältlich
bei bund.moeggingen{at}bund(.)net
▪ BUND Baden-Württemberg (Hrsg., 2008): Erleben – lernen – staunen: Umweltbildung im BUND Baden-Württemberg. 32-seitige Erfolgsbilanz, erhältlich bei bund.moeggingen{at}bund(.)net
▪ BUND Baden-Württemberg (Hrsg., 2006): Bilanz der guten Taten: Naturschutz-Leistungen des BUND in Baden-Württemberg. 28-seitge Erfolgsbilanz, erhältlich bei bund.moeggingen{at}bund(.)net
▪ BUND Baden-Württemberg (Hrsg., 2002): Bilanz des BUND-Schwerpunkts „Lebendige Bäche und Flüsse“. 36-seitige Erfolgsbilanz, erhältlich bei bund.moeggingen{at}bund(.)net
▪ Zu finden unter www.umweltbewusstsein.de, mehrere Veröffentlichungen aus dem Jahr 2007.