BUNDjugend Baden-Württemberg - … und jetzt noch die Erde retten!

Ernährungsstile oder: Wie Herr M. versuchte ein besserer Mensch zu werden

Herr M. hatte sich noch nie über Ernährung Gedanken gemacht. Seine Einkäufe erledigte er stets bei Lidl, sobald der wöchentliche Sonderangebotsprospekt ins Haus geflattert kam. Sein Lieblingsgericht: Der neue Ceasar Prime Chicken von Mc Donalds. Eines schönen Tages jedoch, traf Herr M. im Mc Café auf eine junge Dame, die sein Leben verändern sollte. Mit einem Veggie-Burger in der Hand gesellte sie sich zu ihm. Und sie war von solch einer unfassbaren Schönheit, so schlank und hübsch und charismatisch, dass er ihr nicht zu widersprechen wagte, als sie ihm von Massentierhaltung und Antibiotika in Schweinefleisch erzählte und davon, dass Vegetarier bessere Menschen seien. Noch am selben Tag beschloss Herr M., von nun an auf Fleisch zu verzichten. Doch es dauerte nicht lange, da wurde er auf einer Grillparty von einem Betriebsratskollegen darauf hingewiesen, dass der Kauf von Lidl-Sojawürstchen nicht nur die Abholzung brasilianischer Regenwälder fördere, sondern Herr M. damit auch die Ausbeutung von Lidl-Kassiererinnen und lateinamerikanischen Sojabauern unterstütze. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, wurde Herr M. umgehend Stammkunde des örtlichen Biosupermarktes. Er hatte sich gerade an den Geschmack von Guarana Cola, Tofu und Schwedenmilch gewöhnt, als er an der Käsetheke Zeuge eines Streitgesprächs zwischen einem Veganer und einem Vegetarier wurde. „Wer Milch trinkt und Eier isst, unterstützt zugleich die Schlachtindustrie“ lautete der Vorwurf des Veganers. Der Vegetarier erwiderte daraufhin trotzig, wenn auch sichtlich irritiert: „Leg du erstmal die Bananen für deinen Bananenkuchen zurück. Hast du denn noch nie an die CO2-Emissionen gedacht, die der Transport deiner Bananen um die halbe Welt verursacht? So viel kann meine Kuh gar nicht pupsen. Ich ernähre mich wenigstens regional und saisonal.“. Herr M. war schockiert. Niemals hätte er gedacht, dass es so schwer sein könnte, ein besserer Mensch zu sein. Jeder, der sich schon einmal intensiv mit dem Thema Ernährung befasst hat, kennt die vielen stichhaltigen und überzeugenden Argumente für einen veganen und ökosozialen Ernährungsstil. Gleichzeitig gelingt es, aus unterschiedlichen Gründen, nur sehr wenigen Menschen, das Ideal einer ökologischen, saisonalen und veganen Ernährung selber konsequent umzusetzen. Immer häufiger werden daher Debatten darüber geführt, ob denn ein Vegetarier, der stets zur billigsten Milch greift, mehr oder weniger zum Schutz der Umwelt beitrage, als ein Gelegenheitsfleischesser, der sich dafür ausschließlich ökologisch ernährt. Was ist denn eigentlich besser? Ein Biofleischliebhaber, der sich in einer Gartenkooperative engagiert und hin und wieder mal bei Alnatura containern geht? Oder ein käseliebender Vegetarier, der regelmäßig exotische Bio-Früchte aus Übersee genießt? Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, anzuerkennen, dass es zahlreiche Varianten einer bewussten und ökologisch nachhaltig(er)en Ernährung geben kann. Varianten, die aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit, gerade für Menschen wie Herrn M, einen Anreiz darstellen können, sich selbst mehr Gedanken über die eigene Ernährung zu machen. Es wäre daher ein Fehler, sich im Für und Wider unterschiedlicher Ernährungsstile zu verheddern. Hilfreich wäre vielmehr die Einsicht, dass bereits zwei halbe Vegetarier beziehungsweise zwei halbe Veganer zusammengenommen einen Ganzen ergeben. Wenn wir allein dies unseren Mitmenschen vermitteln könnten, wäre bereits ein großer Schritt in Richtung einer nachhaltigeren und bewussteren Ernährung getan.Und es könnten viele, viele weitere Schritte folgen…

Aaron Simchen ist Vertreter der BUNDjugend im BUND Landesvorstand Baden-Württemberg

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