BUNDjugend Baden-Württemberg - … und jetzt noch die Erde retten!

Ein Bus mit Pedalen als Denkanstoß zu neuer Mobilität

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Fahrradbus – Vision von einer neuen Mobilität

Beim Projekt „Fahrradbus“ ist der Prototyp eines mit Muskelkraft betriebenen Mehrpersonenfahrzeugs entstanden. Eine Woche lang im Oktober 2014 schweißten und schraubten BUNDjugend-Aktive und Uniexperimentler*innen mit ein paar Freund*innen an dem Gefährt. Dann konnten sich die Initiatoren bei ihrer ersten Testfahrt von ihrem Fahrradbus überzeugen. Das Projekt „Fahrradbus“ hat das Ziel, Denkanstöße zu neuen Mobilitätsformen zu geben. Auch der handwerkliche Aspekt und das Selbermachen waren und sind Ziele des Projekts. Denn, „Fortschritt braucht kein Expertentum!“

Fahrradbus 1

Auf der Testfahrt kamen alle auf ihre Kosten

In den Köpfen von Philipp, Emil, Michael und Diego ist die Idee längst die mögliche, nächste Revolution unserer alltäglichen Fortbewegung. Mit Ihrem „Fahrradbus“ wollen sie weit mehr erreichen als ein lustiges Fahrzeug zum gemeinsamen Freizeitspaß zu bauen. Es geht ihnen darum, die Frage der Mobilität zu diskutieren und einen sehr alten Ansatz wieder neu für die Gesellschaft zu entdecken: die eigene Muskelkraft. Die Erfindung der Dampfmaschine war nach Meinung von Diego und Philipp einst das Ende für die Entwicklung von Fortbewegungsmitteln, die durch Pedal- und Körperkraft angetrieben wurden. Doch „gerade in weniger industriell geprägten Regionen der Erde, in denen für einen Großteil der Bevölkerung ein Auto keine Selbstverständlichkeit ist, spielt die eigene Muskelkraft bei der Fortbewegung im Alltag eine große Rolle“, fügt Emil hinzu.

Von der Idee zur praktischen Umsetzung

Bis spät am Abend war die Gruppe eine Woche lang in ihrer Garagenwerkstatt in Wernau am Neckar zu Gange. Stundenlang wurde geschweißt, geschliffen und geschraubt. Emil freut sich darüber, in Bezug auf Fahrräder und Technik während der Woche sehr viel Neues dazu gelernt zu haben, was ihm im Alltag bei Reparaturen am eigenen Rad weiterhilft. Auch die Nachbarschaft war sehr interessiert am Fortschritt des Projekts, so half ein Nachbar nach Einbruch der Dunkelheit mit Lampen aus. Das Rahmengestell, an das später Räder, Sitze und Pedale montiert wurden, ist aus Metallrohren zusammengeschweißt. Es entstanden drei solcher Module, jeweils als Doppelsitzer mit eigenen Bremsen und – je Sitzplatz – separatem Pedalantrieb und eigener achtgängiger Schaltung. Teilweise war es den Monteuren möglich, Recycle-Bauteil zu verwenden, wie etwa bei den Tretlagern für die Pedale oder bei Holzkästen über den Rädern, die als Schutz dienen und dabei noch als Armlehne für ein wenig Komfort und Fahrgefühl sorgen. Gelenkt wird das Fahrzeug vorne vom Steuermann, die hinteren beiden Module sind daran angekoppelt. Das Fahrzeug ist außerdem mit kleinen Scheinwerfern ausgestattet, wodurch es auch bei Dunkelheit fahrtauglich ist. Die Sitze bestehen derzeit zwar noch aus Brettern, die Lehne ist aber immerhin höhenverstellbar.

Die erste Probefahrt

Schließlich, am letzten Tag der Arbeitswoche, konnte endlich die große Testfahrt starten. Die Vorfreude war mindestens so groß wie die Spannung. Die eigenen Erwartungen an das Fahrzeug und dessen Straßentauglichkeit wurden schließlich übertroffen, darin waren sich alle vier einig. Gemeinsam in die Pedale zu treten zeigte deutlich den erhofften Synergieeffekt. Die „Tretkräfte“, die von Fahrgast zu Fahrgast verschieden sind, aber auch über die Strecke von jedem unterschiedlich eingebracht werden, werden untereinander ausgeglichen. Während der Fahrt konnte sogar eine abgesprungene Kette wieder in Gang gebracht werden, während der Rest der Mannschaft weiter strampelte. Die beiden hinteren Module liegen außerdem im Windschatten und so ist es dann nicht verwunderlich, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit höher ausfiel als bei einer Radtour auf sechs einzelnen Rädern.

Bildergalerie

Fahrradbus 2

Bis in die Nacht schliffen und schraubten die Bastler eine Woche lang an ihrem Fahrradbus.

Fahrradbus 3

Es ist nicht viel Equipment nötig: (Schutzgas-)Schweißgerät, Werkbank mit Schraubstock, Winkelschleifer, Bohrmaschine mit Bohrersatz, Metallbügelsäge, Hammer, Schraubzwingen, Feilen, Reißnadel, Drahtbürste und ein paar Quadratmeter Platz – das war’s im Wesentlichen 😉

Fahrradbus 4

Auf der ersten Probefahrt zwischen Lindorf und dem Segelflugplatz „Hahnweide“ bei Kirchheim Teck

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Staunende Passanten wo hin man fährt – eine große Chance Anstöße für nachhaltige Mobilität zu geben

Fahrgefühl und Reaktionen unterwegs

Begeistert zeigten sich alle an Bord insbesondere auch im Hinblick auf das Fahrgefühl im Radbus. Gerade in den hinteren Reihen ließ sich in aller Ruhe die Landschaft genießen, man hatte Zeit sich zu unterhalten und sich am Fahrradbus zu erfreuen. Nur der Steuermann vorne hatte an der Lenkung allerhand zu tun. Von den Geräuschen des Gefährts waren alle in der Gruppe hellauf begeistert. Philipp nannte es ein „feines Summen und Sausen“. Michael und Diego verliehen ihrem Fahrradbus schnell das Prädikat „alltagstauglich“ und freuten sich wie der Rest der Truppe über die fröhlich lächelnden Blicke der Passanten am Wegesrand, über erhobene Daumen, die „wows“ und „ohhs“, die erstaunten und beeindruckten Gesichter und die zahlreichen Komplimente. Gegen Ende der ersten Ausfahrt fand sich schließlich sogar noch eine Mitfahrerin, die sich sofort für das Gespann begeistern ließ. Ob die erste Probefahrt mit dem Fahrradbus von Wernau nach Kirchheim und Plochingen eines Tages ähnlich berühmt wird wie die von Berta Benz mit ihren beiden Söhnen von Mannheim nach Pforzheim im Jahre 1888 bleibt zwar abzuwarten, in der Erinnerung der vier Baumeister wird sie das aber wohl.

Ein Konzept für ein Umdenken in Sachen Mobilität

Am Ende des Tages hatten die vier Jungs es also geschafft, die Idee vom selbst gebauten Mehrpersonenfahrrad umzusetzen, „und das als Laien“, wie Philipp betonte, trotz sehr kniffliger Konstruktionen. Fortschritt brauche eben nicht immer Expertentum. Wobei ihr Fahrradbus „keine neue Erfindung, sondern lediglich ein Konzept“ darstelle, das es gelte, voranzutreiben und publik zu machen, so Michael. Der Fahrradbus soll nun zu Diskussionen über Mobilitätsfragen anregen. Für Diego, der den Mensch als „Bewegungstier“ sieht, steckt in ihrem neuen muskelbetriebenen Fahrzeug die Idee, Mobilität, Bewegung und Fitness zusammen zuführen. Michael sieht im Fahrradbus aber die gemeinsame Vision noch nicht verwirklicht. Für eine neue Mobilität brauche es doch noch ein Umdenken, ein Bewusstsein für eine langsamere, natürlichere Bewegung, also „Gemütlichkeit“. Doch sehen alle ihren Fahrradbus als eine Möglichkeit, solch ein Bewusstsein zu vermitteln. Einig sind die vier sich auch, dass der Automobilverkehr zwar schneller sei, das gestiegene Verkehrsaufkommen aber gerade die städtischen Ballungsräume völlig überlaste, was ebenfalls einen Ansporn darstelle für neue Konzepte wie ihren Fahrradbus. Ein interessanter Aspekt ist für Konstrukteur Philipp außerdem das geringe Gewicht des Fahrzeugs. „Ohne die noch fehlende Verkleidung liegen wir bei unter 20 kg pro Person, womit“, so fügt er hinzu, „womit wir deutlich unter allen motorisierten Fahrzeugen bleiben.“

Was die nächsten Schritte sind und was die Zukunft bringen könnte

Nach der Vorstellung der Konstrukteure des Fahrradbusses könnte bei einer entsprechenden technischen Weiterentwicklung ihr Konzept bald im Nahverkehr Einsatz finden. Bis dahin liegt wahrscheinlich noch ein langer Weg vor ihnen, doch die vier haben schon viele weitere Ideen. Zunächst mal müsse man die Baumethoden verbessern, perfektionieren und vereinfachen, um den Fahrradbus weiter zu verbreiten und zu vervielfältigen und damit Nachahmer zu finden. Außerdem wollen sie das Konzept der Modulbauweise weiter entwickeln. Diego träumt bereits von einem Werkstattmodul, das nicht nur zu Reparaturarbeiten unterwegs geeignet ist, sondern sogar das Baukonzept unterwegs interessierten Passanten demonstrieren könne. Fest geplant haben die vier beispielsweise, Schulen zu besuchen und dort anzuregen, im Rahmen von Projekttagen das Gefährt nachzubauen, sodass vielleicht bald die ersten Schulklassen mit ihrem Fahrradbus zur Schule brausen.

Bericht von Julian Volz, November 2014, leicht verändert
Quelle: www.weltwaerts.de/de/bericht-ausfahrt-bus-frontal.html

Anmerkung zur Entstehungsgeschichte des Projekts

Das Fahrradbus-Projekt wurde von zwei unabhängigen Teams, die glücklicherweise im Frühjahr 2014 voneinander erfuhren, gemeinsam umgesetzt. Beide Teams hatten die Vision von einem Mehrpersonenmuskelkraftfahrzeug in modularer Bauweise. Als sich beide Gruppen kennenlernten ging es dann Knall auf Fall. Die einen vom freien Uniexperiment (Emil und Michi) besorgten das Geld bei der Stiftung „Engagement Global“, die anderen von der BUNDjugend (Diego und Philipp) hatten den ausgetüftelten Bauplan und besorgten das Material und die Werkstatt. Mittlerweile hat sich das Projekt von seinen Eltern BUNDjugend und freiem Uniexperiment emanzipiert. Es wird mit der BUNDjugend und dem Uniexperiment eng verbunden bleiben. Schließlich ist es ein Kind dieser beiden. So lag die Geburtsstunde im ersten Aktiventreffen zum Thema Mobilität im Januar 2013 als in einer Brainstormphase zu möglichen Projekten Diego kühn die lang gehegte Vision eines Mehrpersonenmuskelkraftfahrzeugs in die Runde warf und er mit Philipp einen bastelerfahrenen Mitstreiter fand. Ein Hoch auf die BUNDjugend und das freie Uniexperiment. Sie bieten das Foren für solch ausgefallenen Ideen. Die BUNDjugend machte es erst möglich, weil sie Menschen zusammenbringt, die so nicht zusammenkommen würden. Kurz, gäbe es die BUNDjugend noch nicht, man*frau müsste sie augenblicklich erfinden.

Aufruf

Der Fahrradbus ist erst vor vier Monaten geboren. Es gibt noch unendlich viel zu tüfteln, zu hirnen, zu konzeptionieren, zu handwerkeln, zu basteln, zu erradeln und zu entdecken. Wir suchen Dich um das Projekt weiterzuentwickeln. Kontakt zu uns kannst du über unsere Website mit uns aufnehmen.

Der Bus kann, nach einer Einführung zur (Fahr-)Technik auch für Veranstaltungen der BUNDjugend ausgeliehen werden.

Wir bieten auch Workshops zum Bau eines Busses an. Ziel wäre, dass jede BUNDjugendgruppe ihren Fahrradbus hätte und damit zu den JAKs fährt. Das wäre ein Anblick… Melde dich bei uns. Dann sprechen wir darüber, wie wir Euren Fahrradbus verwirklichen können.

Im Sommer wird es eine Fahrt nach Berlin geben, organisiert von Funkenflug. Plätze sind noch frei.

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