BUNDjugend Baden-Württemberg - … und jetzt noch die Erde retten!

Containern

Die Nacht senkt sich geheimnisvoll über die still daliegende Stadt. Verlassen liegen die Straßen da, vereinzelt sieht man noch Gestalten oder Gruppen von Menschen durch die Gassen wandern. Jetzt beginnt die Containerzeit – die meisten Läden sind geschlossen, die meisten Mülleimer gefüllt. Leckeres Gemüse, Obst, Joghurt, Brot, auch Zimmerpflanzen, Zitronenpressen, oder originalverpackte Dosenöffner warten im Verborgenen auf die willigen Konsumenten. Konsumenten, die kein Geld mitbringen, dafür die Vorstellung einer Gesellschaft, die Menschen, Tiere und Pflanzen respektvoller behandelt und darauf verzichtet, kostbare Lebensmittel wegzuwerfen. Diese Stadt könnte auch deine Stadt sein!

Da es in den letzten Jahren verstärkt durch die Medien ging und auch Filme wie „We feed the world“ auf das Problem aufmerksam gemacht haben, hat sich das Containern über die Zeit mehr oder weniger etabliert. Einige Leute traten damit sogar an die Öffentlichkeit, bei RTL, um sich lächerlich zu machen, bei ZDF, um eine neue Art der Lebensmittelbeschaffung zu zeigen oder bei arte, um den politischen Hintergrund des Containerns aufzuzeigen.

In einem Beitrag von RTL (Explosiv, vor einem Jahr) wird das Containern sehr negativ dargestellt, Inhalt des sechsminütigen „Doku“: Ein Sprecher stellt mit triefend sarkastischer Stimme die fehlende Hygiene beim Containern fest und bemerkt den Kriminalitätsfaktor „Hausfriedensbruch“. „Gegessen wird sofort, ungewaschen, direkt aus der schmutzigen Mülltonne. Gestank, Schimmel oder Schmutz stört sie nicht.“ Leider wird hier die mögliche politische Motivation der Vorführ-Containerer zu 100% ausgeblendet und das Containern wird zu allem Überfluss als „lohnendes Geschäft“ bezeichnet. Das ZDF geht das Phänomen eher positiv und realistischer an („Leckeres aus dem Müll“) Inhalt des Beitrags: Die gefilmte Einzelperson findet zuerst nur einen leeren Container vor, erst beim zweiten Supermarkt gibt es „was zu holen“. Die politische Motivation wird am Rande erwähnt, und man folgt einem unauffälligem Mädchen, das eher auf „Abenteuerlust“ und „mal was anderes machen“ aus ist. Betont wird hier, dass sie eigentlich das Geld habe, es aber gern, zum Spaß und sogar aus Idealismus mache. Arte stellt die politischen Überlegungen in den Vordergrund und nennt die Container-Leute „pragmatisch und idealistisch“.

Die Wegwerf- und Konsumgesellschaft soll boykottiert werden. Die einen betrachten es als konsequente Lebensweise für den Erhalt von Umwelt- und Klima, die anderen finden es eklig, abschreckend, entwürdigend, unhygienisch oder verwerflich. Doch sogar die „Bundeszentrale für politische Bildung“ bemerkt, dass ein großer Faktor der CO²-Belastung der Atmosphäre das
Wegwerfen von Nahrungsmitteln ist. Somit kann man das Containern sogar als konkrete pragmatische Herangehensweise an denUmweltschutz verstehen.
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Containern macht Spaß, ist jedes Mal eine Überraschung, nicht immer erfolgreich, aber immer wieder begeisternd, da es manchmal „Sachen gibt, die es gar nicht gibt“- auf jeden Fall niemals umsonst! Durch das Containern werden Frische-Träume wie gesunde Obstsalate aus Melone, Ananas, Mango und Nektarinen wahr. Man findet Nahrungsmittel, die man sich oft nicht einfach so leisten kann oder die man wegen des langen Transportweges ablehnt. Auch Produkte, die sehr viel Müll verursachen, wie einzeln verpackte Bonbons, Joghurts oder Puddings sind immer wieder reichlich vorhanden und nicht mehr umwelttechnisch Tabu. Brot und Bananen muss man eigentlich nie mehr einkaufen gehen, da diese Lebensmittel schneller als andere als verdorben gelten oder zumindest so aussehen. Man hat doch oft genug braune Bananen zu Hause, die einem beweisen, wie wenig giftig dieses etwas reifer gewordenes Obst ist – sauber und gewaschen bemerkt niemand mehr den Unterschied zwischen gekauften, etwas älteren und containertem Essen.

Die Müllbehälter werden oft weggeschlossen, aber es gibt sie noch: Die Container-Paradiese. Es können sich sogar auch Netzwerke von Leuten, die containern, wie Tauschringe zusammenschließen. Doch wer noch nie Containern war, hat es möglicherweise schwer, einen Einblick in dieses neuartige Gewerbe zu bekommen. Hier eine kleine Anleitung und bei Fragen, Kommentaren und Tipps eine email-Adresse, die gerne mal weiterhilft und eine vermittelnde
Funktion einnehmen kann:

Was du brauchst:

  • Taschenlampe
  • ggf. Handschuhe
  • Plastiktüten
  • zwei Löffel Abenteuerlust
  • eine Prise Nonkonformität
  • das Wissen um einen „guten“ Supermarkt / Pioniergeist
  1. Gehe zum Supermarkt deines Vertrauens und präge dir seine Öffnungszeiten gut ein.
  2. Nimm Freunde/Bekannte/Verwandte/dein Fahrrad mit, dann macht‘s mehr Spaß.
  3. Gehe einfach mal los, um zu sehen, was sich nachts so tut – vieles sieht anders aus, gerade vor oder hinter den Supermärkten: Da steht oft alles mögliche auf den Straßen herum (palettenweise vegetarische Lasagne, Container voller Schokolade oder Grießpudding…).
  4. Für Hardcorefans (nicht zu empfehlen und auch moralisch nicht vertretbar): Schlösser kaputt machen, irgendwo einsteigen, sich Straßenschlachten oder Verfolgungsjagten mit der Polizei liefern, frisch gelieferte Waren klauen, sich mit anderen um das Essen schlägern, unnötigerweise so viel mitnehmen dass man gar nicht alles essen kann und anderen die Chance nehmen, auch noch etwas abzubekommen, Verwüstung hinterlassen
  5. Stattdessen: Sich gesittet benehmen, armen Leuten auf der Straße auch was abgeben, Freunde zum Essen einladen, ContainerPartys statt Tupperpartys organisieren.

Conni Container ist regelmäßig nachts unterwegs